Gherburg Bornemann
(15 Jahrhundert - 1492)
Lukas-Altar in der St. Jakobi Kirche, Steinstraße
Betritt man die St. Jacobi Kirche von der Steinstraße, so gewahrt man im Vorraum (Apsis des zweiten Südschiffes) rechts den Lucas-Altar. Der Schrein wurde nach 1499 von den „Hamburger Malern, die sich in der Lukasbrüderschaft zünftig organisiert hatten,“1) für den Mariendom (siehe Station 37) gestiftet. Das Maleramt hatte „zwischen 1452 und 1463 einen eigenen Altar im Dom (…). Gegen Ende des Jahrhunderts müssen die Meister des Amtes die Stiftung eines Schreines beschlossen haben.“ 2) Nachdem der Dom 1805 abgerissen worden war, kam der Altar in die St. Jacobi Kirche. Der Lukas-Altar: „zeigt bei geschlossenen Flügeln den Malerpatron Lukas, der Maria mit dem Jesuskind malt. Die geöffneten Flügel zeigen Szenen aus dem Leben des Heiligen Lukas, während der geschnitzte Schrein abermals dasselbe Thema illustriert, das außen gemalt ist: Lukas malt die Madonna.“ 3) Der Evangelist Lukas war der Schutzheilige der spätmittelalterlichen Malergilden.
„Die enge Verbindung zwischen dem Lukasaltar und dem Hamburger Maleramt blieb über die Jahrhunderte hinweg bestehen. (…) Noch heute findet vor dem Lukasaltar in St. Jacobi die Freisprechung von Jungmeistern des Malerhandwerks statt.“ 4)
Das Geheimnis um die beiden sogenannten Stifterfiguren
In der rechten unteren Ecke des Außenflügels, „am Sockel der Lukasdarstellung, kniet – der Madonna auf der Staffelei zugewandt – eine kleine, in ein schwarzes Gewand gekleidete, männliche Figur. Vor der Figur verläuft ein Spruchband mit der Aufschrift ‚biddet got vor hinrick bornemans sele ehren soene d(as) e( r) g(od) g(naedic) s(y)‘.“ 5) („Bittet für die Sühne der Seele Hinrich Bornemanns, dass Gott ihr gnädig sei.“) 6)
Auf der linken Außenseite des Lukasalters „kniet zu Füßen der Madonna in der rechten unteren Bildecke eine den Rosenkranz betende weibliche Figur in anbetender Haltung. Sie trägt ein rotes Gewand mit weißer Haube. Über ihrem Kopf verläuft ein weißes Spruchband mit dem Text ‚biddet god vor berteke bornemanns sele.‘“. 7) („Bittet Gott für Berteke Bornemanns Seele“ 8)
Diese beiden Figuren wurden unterschiedlich interpretiert. Manya Brunzema schreibt darüber: „Die ältere Forschung behauptete (…) oft, Hinrik und Berteke Borneman seien die Stifter des Altars gewesen. (…) Inzwischen aber konnte zweifelsfrei belegt werden, daß es sich bei den beiden anbetenden kleinen Figuren um nachträgliche Hinzufügungen handelt, die nicht Teil des originalen Malbestands waren. (…) Durch die Einfügung dieser beiden Figuren wurde der Lukasaltar also nachträglich zum Gedenken an Einzelpersonen umgewidmet, war aber ursprünglich für das gesamte Hamburger Maleramt geplant.“ 9) Manya Brunzema führt dazu weiter aus, dass der Altar „der Sicherung des Seelenheils aller Amtsangehörigen dienen [sollte} und (…) erst durch die nachträgliche Einfügung der beiden ‚Stifter‘ – Figuren eine Umwidmung zum Epitaph für die Familie Borneman“ 10) erfuhr. „Auch die ikonographischen Bezüge des Altar-Programms“ 11) zeigen, dass der Altar nicht eine Privatstiftung eines einzelnen Zunftmitgliedes war. „Die Lukasbruderschaft veranstaltete gemeinsame Essen für ihre Mitglieder, unterstützte erkrankte und berufsunfähige Mitbrüder, widmete sich der Armenfürsorge und ehrte ihre Verstorbenen durch festliche Leichenbegängnisse und Meßstiftungen. Alle diese karitativen Aufgabenbereiche kommen auch in der Ikonographie des Lukasalters zum Ausdruck.“ 12)
Unklar bleibt, wer die abgebildete Frau ist, die den Namen Berteke trägt. So ist es umstritten, ob es sich dabei um die Ehefrau von Hinrik Bornemann, die Berteke hieß oder um dessen Mutter Gherburg Borneman handelt. 13)
Die Maler des Lukasaltars: Hinrik Borneman, Absalon Stumme, und Wilm Dedeke.
Der Lukas-Altar wird den Hamburger Meistern Hinrik Bornemann, Absolon Stumme und Wilm Dedeke zugeschrieben.
Hinrik Borneman war der Sohn von Gherburg (gestorben 1492) und Hans Bornemann (geboren zwischen 1400-1420, gestorben nach 1473), der um 1460 Ältermann des Maleramtes war. Neben den Sohn Hinrik hatte das Paar noch drei Töchter. Beim Tod von Hans Borneman war Hinrik Borneman (geboren zwischen 1464-1468, gestorben ca. 1499) ca. 10 Jahre alt, und damit noch zu jung, um die väterliche Malerwerkstatt weiterzuführen. Deshalb verheiratete sich Gherburg Borneman schnell wieder. „Die rasche Hochzeit ist Ergebnis der Eigenheiten des Ämterwesens. Stirbt ein Amtsmeister, kann dessen Witwe binnen Jahresfrist einen neuen Gemahl als Nachfolger vorstellen.“ 14) Der Malerbetrieb war die einzige Versorgungsquelle für die Witwe. „In den Handwerksbetrieben des 15. Jahrhunderts wurden keine Neigungsehen geschlossen, sondern die Wiederverheiratung einer Meisterwitwe diente rein wirtschaftlichen Zielen. Die möglichst übergangslose Aufrechterhaltung des Betriebes, der neben der Familie des Meisters ja auch Gesellen und Helfer ernährte, war der wichtigste Gesichtspunkt für das Zustandekommen einer Ehe. (…) Der neue Ehemann einer Meisterwitwe hatte Vorrang vor jedem anderen Bewerber um die Weiterführung der Werkstatt. Weil die Stadt Hamburg so strenge Zuzugsbeschränkungen für Maler erlassen hatte, muß Hans Bornemans Witwe eine besonders gefragte Heiratskandidatin für Maler gewesen sein, die sich in der Hansestadt niederlassen wollten.“ 15) Gherburg Borneman heiratete den vermutlich aus Westfalen stammenden Maler Hinrik Funhof „der zugleich das Grundstück und das Malgerät seines Vorgängers übernahm,“ 16) Kurz nach seinem Tod 1484/85 heiratete Gherburg 1486 den Maler Absolon Stumme (gestorben 1510). Durch diese Heirat erhielt Stumme das Meisterrecht. Damals war Gherburgs Sohn Hinrik Borneman bereits in einem Alter, in dem er die Werkstatt seines Vaters hätte übernehmen können, denn er war nun ausgebildeter Maler. Doch dem stand die Heirat seiner Mutter entgegen. „Im Jahr 1496 wich die Stadt Hamburg zugunsten Hinriks von ihrer Beschränkung der Meisterstellen ab und genehmigte für ihn die Einrichtung einer zusätzlichen, dritten Malerwerkstatt. Dies deutet darauf hin, daß man Bornemans qualitätvolle Arbeiten bereits allgemein zu schätzen wußte.“17)
Nach Gherburgs Tod im Jahr 1492 wurde ihr Besitz zwischen Stumme und ihrem Sohn Hinrik aufgeteilt. Absalon Stumme starb um 1504/1507. Damals muss Gherburgs Sohn Hinrik ebenfalls bereits verstorben gewesen sein, denn er „wird in den Quellen nach 1499 nicht mehr erwähnt.“ 18) Absolon Stumme arbeitete nach dem Tod von Hinrik Borneman, der während der Ausführung des Schreines am Lukas-Altar gestorben war, an dem Werk weiter.
Nach dem Tod von Hinrik Borneman heiratete dessen Witwe Berteke Borneman den Maler Wilm Dedeke (geboren zwischen1460 und 1470 Lübeck, gestorben 1528 Hamburg), der 1500 die Werkstatt von Hinrik Bornemann übernahm. Im selben Jahr wurde Dedeke Meister des Maleramtes und 1502 Ältermann der „Bruderschaft des Heiligen Thomas von Aquin“. Diese vereinigte die Angehörigen vieler Kunstschaffenden. 19) Auch er war an der Fertigstellung des Schreines beteiligt.
Da sich die Porträts von Berteke Borneman und Hinrik Borneman auf der Rückseite der geöffneten Altarflügel befinden, können sie nur dann betrachtet werden, wenn die Altarflügel geschlossen sind. Dies war in früheren Jahrhunderten an den Wochentagen möglich, denn die Altarflügel wurden nur an Feiertagen geöffnet.