Marianne Atzeroth-Freier
(16.6.1946 – 18.10.2017)
Kriminalkommissarin
Bruno-Georges-Platz 1 (Kriminalpolizei)
Bestattet auf dem Volksdorfer Friedhof, Grablage NG, 61
Erst mit Anfang Dreißig kommt Marianne Atzeroth-Freier, die damals noch Gebauer heißt, zur Hamburger Polizei. Nach dem Schulabschluss hatte „Janne“, wie sie oft genannt wird, noch ganz andere Berufsvorstellungen. 1946 in Hamburg geboren, arbeitete die begeisterte Leichtathletin zunächst als Sportlehrerin auf Zeitvertragsbasis an einer Realschule. 1971 wurde sie zusätzlich Trainerin an der Landespolizeischule, mit damals noch getrenntem Unterricht für Frauen und Männer. Weil die Erzählungen ihrer Schülerinnen über deren Arbeitsalltag sie zunehmend interessieren, bewirbt sie sich schließlich selbst bei der Polizei.
1978 beginnt sie die Ausbildung zur Schutzpolizistin – als eine von fünf Frauen des Jahrgangs, gegenüber 375 Männern. Danach absolviert sie eine Zusatzausbildung für den Dienst bei der Kriminalpolizei. 1981 beginnt sie bei der „Sitte“ und ist zuständig für Vergewaltigungen, Exhibitionismus, Kindesmissbrauch und Nötigung. Als die Hamburger Morgenpost Marianne Gebauer 1987 in der Reihe „Hamburgs starke Frauen“ porträtiert, antwortet sie auf die Frage, ob sie durch ihre Tätigkeit nicht den Glauben an die Menschen verlieren würde: „Ich habe gelernt, dass viele verschiedene Welten nebeneinander existieren, die sich meist nicht berühren.“ Nur so kann sie sexuell missbrauchte Kinder befragen, ohne dass es sie bis in ihr Privatleben hinein belastet. „Es geht nicht anders. Ich muss das trennen können. Ich muss.“ Seit ihrer Scheidung erzieht sie den gemeinsamen Sohn allein. Marianne Gebauer gilt als zugewandt, als jemand, die aufmerksam zuhört. Aber sie kann auch hartnäckig sein – eine Eigenschaft, die 1996 zur Verurteilung des Hamburger Kürschners Lutz Reinstrom wegen Mordes führen wird. Doch ihr ganzes Berufsleben hindurch muss die Kommissarin gegen Widerstände ihrer männlichen Kollegen und strukturelle Diskriminierungen im Polizeidienst kämpfen. Geschlechtsspezifische Anfeindungen und Ausgrenzungen sind Teil ihres Arbeitsalltags und werden umso stärker, je kompetenter sie handelt.
Im September 1991 wird in Hamburg Christa S. entführt, der Täter verlangt Lösegeld von ihrem Lebensgefährten. Marianne Gebauer gehört der Verhandlungsgruppe an, sie ist für die Angehörigenbetreuung zuständig. Nach einer Woche kommt Christa S. wieder frei. Doch die Polizeibeamten glauben ihr nicht: Ein Mann hätte sie in einen unterirdischen Bunker verschleppt und freigelassen, weil die Sterne schlecht standen? Sie verdächtigen sie vielmehr, mit dem Entführer unter einer Decke zu stecken, um sich das Lösegeld zu teilen. Auch Marianne Gebauer ist skeptisch. Aber sie hört Christa S. zu und protokolliert deren Schilderungen. Wenig später wechselt sie zur Mordkommission. Hier ist sie eine der ersten Frauen überhaupt. Inzwischen hat sie wieder geheiratet und heißt jetzt Atzeroth-Freier.
Im Mai 1992 wird sie als Zeugin in einem Prozess vorgeladen. Angeklagt ist Lutz Reinstrom wegen der Entführung von Christa S. Aussagen des Lebensgefährten hatten zu Reinstroms Verhaftung geführt. In der Prozesspause spricht eine ältere Frau Marianne Atzeroth-Freier an. Sie heißt Margarete Röhl. Ihre Tochter Annegret Bauer würde seit vier Jahren vermisst und Christa S.s Fall hätte so viele Ähnlichkeiten mit den Umständen von Annegrets Verschwindens. Die Polizei hätte die Angelegenheit aber schon zu den Akten gelegt. Je mehr Margarete Röhl erzählt, desto hellhöriger wird die Kommissarin. Als sie dann noch erfährt, dass die Ehefrau von Christa S.s Lebensgefährten, Hildegard Kloeßer, bereits seit 1986 vermisst wird und dieser ebenfalls ungelöste Fall den beiden anderen stark ähnelt, entschließt sie sich, erneut zu ermitteln. Ihr Vorgesetzer und ihre Kollegen belächeln sie. Sie sei in der Mordkommission und solle dort ihre Arbeit machen. Private Ermittlungen kann ihr jedoch niemand verbieten. Unbeirrt verbringt sie von da an fast jede freie Minute damit, den Vermisstenfällen Annegret Bauer und Hildegard Kloeßer nachzugehen. Später sagt sie über ihre Motivation: „Ich wollte dafür sorgen, dass die Angehörigen endlich Sicherheit bekommen, und wenn es nur ein Ort zum Trauern ist.“ Das Gericht verurteilt Reinstrom wegen Erpressung und Menschenraubs zu drei Jahren Haft. Ein Gerichtspsychologe hält ihn für „seelisch ausgeglichen“. Doch Marianne Atzeroth-Freier traut dem Frieden nicht.
Sorgfältig trägt sie unzählige Indizien zusammen. Sie verdächtigt Reinstrom inzwischen sogar des Mordes. Auch der zuständige Staatsanwalt ist überzeugt. Aber entscheiden muss sein Vorgesetzer. Dessen Kommentar? „Unsinn“. Schließlich erhält Marianne Atzeroth-Freier doch den Durchsuchungsbeschluss für Reinstroms Haus in Rahlstedt und sein Wochenendhaus bei Lauenburg. Als die Polizeibeamten dort gleich mehrere Hinweise auf seine Verwicklung auch in die Fälle Hildegard Kloeßer und Annegret Bauer finden, richtet Atzeroth-Freiers Chef widerwillig eine Sonderkommission ein. Diese findet schließlich auf Reinstroms Grundstücken zwei Fässer mit Leichenteilen der beiden vermissten Frauen.
Natürlich berichtet auch die Presse. „Eine Frau sammelte die Beweise“, titelt das Hamburger Abendblatt. Marianne Atzeroth-Freiers Kollegen sind darüber nicht erfreut. Ihr Dienststellenleiter wirft ihr vor, sich hervorzutun, sich wichtig machen zu wollen. Bis zum Ende ihrer Zeit bei der Mordkommission spricht er nicht mehr mit ihr. Als er bei der nächsten Weihnachtsfeier stolz einen gelösten Fall seiner Abteilung nach dem anderen hervorhebt, erwähnte er den Fall Reinstrom mit keinem Wort. Marianne Atzeroth-Freier erhält keine Anerkennung für ihre Arbeit, sie wird auch nicht befördert. Auch als einige Kollegen sich bei ihr entschuldigen, weil sie sie nicht ernst genommen hätten, setzt ihr die generell fehlende Wertschätzung sehr zu.
Am 22. Mai 1996 verurteilt das Hamburger Landgericht Lutz Reinstrom wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten Raubs und erpresserischen Menschenraubs zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Zu der Zeit hat Marianne Atzeroth-Freier die Mordkommission bereits verlassen. Sie arbeitet nun im Dezernat Interne Ermittlungen. Als sie 2006 pensioniert wird, erhält sie als Abschiedsgeschenk von ihren Kollegen den Duden „Deutsche Rechtschreibung“ – eine Herabwürdigung, die sprachlos macht.
Marianne Atzeroth-Freier stirbt 2017 nach schwerer Krankheit in Hamburg. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof Wohldorf. Ihr Stiefsohn Matthias Freier dreht 2024 den Film „Die Unsichtbaren“. Er lässt ihr die Anerkennung zuteil werden, die ihr fast alle ihre männlichen Kollegen im Polizeidienst stets verweigert haben.
Text: Frauke Steinhäuser