Biografien-Datenbank: Frauen aus Hamburg

Eliza Wille Gundaline Elisabeth, genannt „Eliza“ Wille, geb. Sloman

(9.3.1809 Itzehoe/Schleswig Holstein – 23.12.1893 Familienanwesen Mariafeld/ in Meilen/Kanton Zürich/Schweiz)
Dichterin, Romanschriftstellerin
General-Wille-Straße 165 (in der Schweiz)
Slomanstieg (heute: Castellonstieg) und Slomanstraße, Hamburg-Veddel (2 + 5)


„Eliza Wille, geb. Sloman, wurde am 9. März 1809 zu Itzehoe geboren als ein Sproß des berühmten englisch-deutschen Kaufmannshauses Sloman in Hamburg“ (3). Ihr Vater war der erfolgreiche Reeder und Schiffsmakler Robert Miles Sloman senior (1783-1867). Die älteste deutsche Reederei, die heutige „Sloman Neptun Schiffahrts-Aktiengesellschaft“, hat seit Mitte der 1970er Jahre ihren Sitz in der Hansestadt Bremen. Sie wurde 1793 von dem aus der Grafschaft Norfolk stammenden Engländer und Kapitän William Sloman (1744–1800) gegründet, der 1791 nach Hamburg übergesiedelt war und dort die Bürgerrechte erworben hatte. William Sloman war Elizas Großvater (4).
Im Schleswig-Holsteinischen, damals dänischen Itzehoe hatte ihr Vater, Robert Miles Sloman, eine Öl-, Loh-, und Färbeholzmühle erworben, deren Technik mit Wind- und Pferdekraft möglich war (1:78) Als 1803 der Krieg zwischen England und Frankreich aufs Neue begann, hatte er als Engländer nicht im französisch besetzten Hamburg bleiben dürfen, das Bürgerrecht wurde erst mit Volljährigkeit, also mit 22 Jahren verliehen (1:62). Zu seinem Betrieb in Itzehoe gehörte ein geräumiges, nach damaligen Maßstäben modern eingerichtetes Wohnhaus, in dem er mit seiner Familie für einige Jahre lebte. Produktion und Spedition waren wirtschaftlich günstig am Fluss gelegen (1:79). Später zurückgekehrt nach Hamburg, „brachte es seine Rhederei zu außerordentlicher Blüthe“ (3).
Elizas Mutter, Gundalena Brarens (Vorname auf Friesisch „Jung Göntje“; 12.7.1784 Oldsum/Föhr - 28.5.1870 Hamburg), war die Tochter des friesischen Lotsenkommandeurs und Grönlandfahrers Hinrich Brarens und stammte aus Oldsum auf der Insel Föhr.
Eliza war die zweitälteste von fünf Geschwistern, darunter ihr Bruder Robert Miles Sloman jr., der Jüngere (1812-1900), sowie ihre drei Schwestern Maria, Diana und Harriet. Sechs weitere Kinder waren im Kindesalter verstorben (5).
In ihren Erinnerungen beschrieb sie ihre Prägung zwischen Romantik und Aufklärung, polyglott und tolerant, der kaufmännische Geist angesiedelt zwischen Wahrhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein wie unbedingtem Willen zum Erfolg: „Nie waren Kinder glücklicher als wir in unserem Elternhause (...).Nie hat ein junges Mädchen sich nach eigenem Gefühl und Bedürfniß freier entwickeln dürfen als ich, die ich heute mit sechsundsiebzig Jahren zurückschaue auf die Segnungen meiner unvergleichlich schönen Jugend. Wir Töchter waren in keine Schule geschickt worden, Lehrer und Gouvernante besorgten den Unterricht, fremde Sprachen gehörten zur gesellschaftlichen Bildung, der Vater sprach englisch mit uns Kindern, es war seine Muttersprache: mit unserer Mutter und unter uns sprachen wir deutsch (und mit der Föhrer Familie der Mutter vermutlich auch friesisch, Anm. CG), mit der Gouvernante französisch. Zeichnen, Musik, Tanzen, etwas Geographie und Geschichte, die Anfänge der Literatur sollten wir lernen – von den Eltern lernten wir leben, lieben, dankbar sein, dienen und gehorchen. Ehrfurcht vor den Heiligthümern jeder Religion hatte unser Vater, dem nach den Lehren englischer Moralisten die Pflicht das Höchste war, und diese war es, die er als beseelende Kraft uns ins Gewissen pflanzte. ‚Frei sollst Du sein’, so hieß es, ‚aber unumstößlich fest, gebunden durch übernommene Pflicht. Was d e i n e Schuldigkeit ist, kann Niemand für dich thun.’ In diesem Sinne ward von ihm der Grund gelegt, auf dem wir bauen sollten in jedem Verhältniß unseres Lebens.
Zur Zeit meiner Jugend war die wissenschaftliche Ausbildung der Frau nicht wie heute. Ein Mädchen, das nach höherem Wissen strebte, lernte aus Büchern, die ihr nicht entzogen wurden, durch Umgang oder aus Gesprächen der Männer. In unserem Hause war ein freies, geselliges Leben. Ich suchte und fand die Körnlein Wissen, die ich brauchte, wie die Vögel, die in ihrem Flug Alles picken, was sie ernährt. Aber es lag Seligkeit im Suchen und Finden !“ Musik spielte eine zentrale Rolle. Der Vater spielte Geige in einem Quartett, Eliza und ihre Schwester erhielten anspruchsvollen Gesangsunterricht, „(...) einmal im Monat waren nicht unbedeutende musikalische Aufführungen in unserm Hause. Vielleicht ist die Erinnerung schöner als die Wirklichkeit war“ (6: 18-20).
Eine Tour d’Horizon erweiterte die Kontakte, Paris versammelte im 19. Jahrhundert Intellektuelle und Künstler_innen aus aller Welt: „Unter den Reisen, die ihre Bildung und Anschauung bereicherten, war wohl die nach Paris die wichtigste; sie gewann dort die Freundschaft (Ludwig) Börne’s durch ihren poetischen Erstling „Der Sang des fremden Sängers“ (1835 anonym veröffentlicht bei Hoffmann und Campe, Hamburg), eine Schöpfung, die, als eine Klage um Polen, damals auch Chopin zu einer, übrigens nicht aufgezeichneten, Improvisation begeisterte“ (3). Aus ihrer ersten Liebesgeschichte mit dem polnischen Grafen Emile Boratinsky, der seinen Lebensunterhalt als Porträtmaler verdiente, entstand das Bild der jungen Eliza, gemalt 1846 in Öl (1, Abb. 38).
Obwohl ihre Eltern sie gern mit einem Hamburger Kaufmann vermählt gesehen hätten, heiratete sie am 24. Mai 1845 den Journalisten François Wille in der Kirche (St. Johannis) Eppendorf und “zog mit ihm, da Reaction und Dänenthum sich immer unangenehmer geltend machten“ (3), 1851 an den Zürichsee auf das schöne, bei Meilen gelegene Gut Mariafeld, das sie von dem demokratischen Politiker August Heinrich Simon (1805-1860) erwarben (7). Die Schweiz war für Wille das Land seiner Vorfahren, die Liegenschaft konnte „von Elizas Mitgift um den Preis von 16.000 frs. erworben“ werden (1:125).
In Mariafeld „that sich nun eine Tafelrunde auf, die ein Stelldichein aller einheimischen und deutschen Berühmtheiten darstellte, welche sich während der nächsten Jahrzehnte in dem nahen Zürich länger oder kürzer aufhielten. Da war Herwegh, Liszt, Mommsen, der Physiologe Ludwig, Moleschott, Köchly, Rüstow, die drei Gottfriede Keller (Zitat aus: Quelle 3; möglicherweise Anspielung auf G. Kellers gesellschaftskritische Novelle „Die drei gerechten Kammacher“? CG), Semper und Kinkel, die Gräfin Plater (Karoline Bauer; war Schauspielerin und Publikumsliebling der Biedermeierzeit, CG.) u.s.w. Richard Wagner, der die gastliche Stätte 1852 zuerst betrat, fand 1864, als er vor innern und noch mehr vor äußeren Nöthen keinen Ausweg mehr wußte, monatelang in Mariafeld die aufopferndste Gastfreundschaft; und hier war es, wo ihn der Ruf des Baiernkönigs fand und der glänzenden Stellung in München entgegenführte. Eliza W(ille) war eine liebenswürdige Wirthin, eine allzeit hülfsbereite Freundin, wie sie eine vortreffliche Mutter und Gattin war. Der Adel der Seele und ein ungewöhnlicher Geist fesselten die Gäste nicht minder als die stillen Tugenden der Hausfrau. Neben den fünfzehn Briefen, die Richard Wagner an seine Freundin richtete, gibt es für den Geist, der auf Mariafeld herrschte, kein schöneres Zeugniß, als die Zeilen, womit C. F. Meyer, der mit seiner Schwester von 1866 bis zu seiner Verheirathung 1875 der häufigste Gast im Hause war, dem Ehepaar Wille seinen „Hutten“ widmete. Diese Widmung gehört freilich dem Hausherrn mindestens so sehr, als der Frau des Hauses (Zitat aus Qu: 3; gemeint ist der Gedichtzyklus „Huttens letzte Tage“ von Conrad Ferdinand Meyer, den er dem Ehepaar Wille widmete. Das Buch wurde 1872 vor dem Hintergrund der deutschen Reichsgründung von 1871 veröffentlicht. CG).
Elizas Gatte, Dr. Jean François Arnold Wille (ursprünglich Vuille, 20.1.1811 - 8.1.1896) „war ein Mann von seltenem Geist und ausgeprägtester Individualität“, der Menschen seiner Umgebung magnetisch anzog. Er war der Sohn eines aus Neuenburg/Neuchá`tel nach Hamburg ausgewanderten Schweizer Uhrmachers und einer Hamburgerin. Francois Wille „betrieb das Studium der Jurisprudenz und namentlich der Philologie, dem er als ein wilder, aber äußerst muthiger Student oblag, wie seine von Heinrich Heine im Wintermärchen erwähnten Schmisse und die am Leib sichtbar gebliebenen zahlreichen Stich- und Schußwunden vollgültig bezeugten; deswegen weist auch Fritz Reuter in den Ollen Kamellen (VII. Theil) auf seinen unter den Freunden gangbaren Spitznamen le Balafré (das „Narbengesicht“). Dieser Muth zog seinen Göttinger Corpsbruder Otto von Bismarck an, der Zeit seines Lebens Muth und Tapferkeit über Alles schätzte. In Hamburg, wo W. namentlich mit Heine und Wienbarg (Ludolf Wienbarg, 1802 Altona-1872 Schleswig, Schriftsteller des Vormärz) verkehrte, warf er sich auf die Journalistik und machte durch Geist und Schärfe seiner politischen Artikel und durch die Stärke seiner Ueberzeugung Aufsehen. Später griff er nur noch vorübergehend zur Feder, schrieb ein Buch über den Hamburger Mettlerkamp (8) und hin und wieder eine Recension; er betheiligte sich in der Schweiz auch nur kurze Zeit, einmal in Gemeinschaft mit Gottfried Keller, am politischen Leben. Seine Bedeutung für die vielen Freunde lag in der Energie der Lebensführung, in der Kraft der Persönlichkeit, in der Schärfe des unabhängigen und anregenden Geistes, in den Tugenden des liebenswürdigen Wirthes. Nachhaltigen Eindruck machte er namentlich auf C.(onrad) F.(erdinand) Meyer, den er als einen noch Namenlosen und in langsamer, stiller Entwicklung Begriffenen kennen lernte, so daß seine Einwirkung begreiflich war und nahe lag. C. F. Meyer beabsichtigte denn auch, den Lebenslauf seines merkwürdigen, vierzehn Jahre ältern Freundes zu schreiben“ (3).
Und so begegnete sich das spätere Ehepaar Wille: „Unähnlich ihrem Manne setzte Eliza W. ihre litterarische Thätigkeit niemals völlig aus, wiewol sie z. Th. nur noch nach großen Pausen etwas fertig stellte oder an die Oeffentlichkeit brachte. Nach dem schon erwähnten ‚Sang des fremden Sängers’ publicirte sie 1836 ‚Dichtungen’, die eine beträchtliche Formvollendung, aber im ganzen wenig Individualität zeigen. Uebrigens veranlaßte eine Recension dieses Buches, die Wille schrieb, ihre Bekanntschaft mit diesem. 1850 trat sie mit dem zweibändigen Roman ‚Felicitas’ hervor (Leipzig, Brockhaus), der offenbar z. Th. Spiegelungen und Confessionen eigenen Seelenlebens enthält; das Ganze leidet an Breite, an Phantastik und an einer gewissen weitgetriebenen Idealisirung, so daß die Figuren trotz reicher Einzelheiten und verschiedener Anläufe zur Realistik selten scharfe Conturen und keinen rechten Boden unter den Füßen haben. Viel höher steht der 1871 erschienene dreibändige Roman ‚Johannes Olaf’ Es ist ein Bildungsroman, hervorragend durch den psychologischen Ernst, den weiten Blick, den Adel der Gesinnung, den sehr substantiellen, persönlich gefärbten Gedankengehalt, durch den Reichthum an Handlung und da und dort durch die Energie der Charakteristik; er ist gelegentlich so poetisch, daß man sich unwillkürlich an G. Keller’s ‚Grünen Heinrich’ erinnert fühlt, der übrigens keinen Einfluß auf die Entstehung des Buches gehabt hat. Schade, daß den ungewöhnlichen geistigen Gehalt der Schöpfung gewisse künstlerische Mängel beeinträchtigen; die Composition ist stellenweise schwerfällig, die Handlung, namentlich in der Mitte, etwas schleppend, und besonders macht sich neben ganz vortrefflichen realistisch gehaltenen Partien eine beinah abenteuerliche Phantastik geltend, woraus sich denn eine gewisse Unausgeglichenheit der ganzen Handlung ergibt. Sehr ansprechend erzählt Eliza W. in dem 1878 veröffentlichten ‚Stillleben in bewegter Zeit’ Bekanntschaft, Verlöbniß und die ersten Ehejahre ihrer Eltern, wie sie auch das Milieu und den historischen Hintergrund anschaulich zeichnet und einige Erinnerungen ihrer Kindheit einflicht. Werthvoller würde die Gabe zweifelsohne sein, wenn die Verfasserin nicht die Form freier novellistischer Behandlung, sondern ausschließlich diejenige der culturhistorischen Schilderung und Berichterstattung gewählt hätte, die nun, der Natur des Stoffes entsprechend, doch überall den Gang der ausgeschmückten Erzählung wieder durchbricht, um ihre Rechte geltend zu machen. Im J. 1887 veröffentlichte Eliza W. die fünfzehn an sie gerichteten ‚Briefe R. Wagners’ in der ‚Rundschau’ und begleitete dieselben mit Erinnerungen und Erläuterungen. Diese letzte Gabe, die übrigens in mehrere Sprachen übersetzt wurde und die François W. nach dem Tode seiner Frau (23. Decbr. 1893) in Buchform herausgab, zeigt die ungewöhnliche Geistesfrische der Hochbetagten und den Adel ihrer Empfindung, zugleich aber auch die Neigung, unliebsame Verhältnisse möglichst schonend nur anzudeuten, überhaupt das Reale ein wenig in der Idealität zu verflüchtigen.
Neben der beträchtlichen Kraft realistischer Deutlichkeit, die Eliza W. nicht selten auszeichnet, ist dieses Bedürfniß, das Wirkliche einigermaßen aufzulockern und zu verflüchtigen, auffallend und merkwürdig. Es entspringt drei Quellen: der Nachwirkung der romantischen Schule, einer gewissen Unsicherheit des Stilgefühls, die das weibliche Geschlecht selten völlig überwindet, und schließlich dem Idealismus, der mit einer gewissen Hoheit über das Alltägliche hinwegzukommen sucht. Es trägt mit daran die Schuld, daß man heutzutage, wo man in Wirklichkeitsfragen strenge Forderungen stellt und sich gegen die abweichenden Kunstübungen früherer Jahrzehnte leicht verhärtet, den bedeutenden Gehalt, die poetische Kraft und den Adel der Persönlichkeit, die sich in Eliza Wille’s „Johannes Olaf“ manifestiren, nicht genügend gewürdigt hat. Ad. Frey“ (3).
Soweit die zeitgemäß rezensierende Beschreibung des Werdegangs von Eliza Wille.
Das Ehepaar hatte zwei Söhne, Arnold und Ulrich Wille, der als promovierter Jurist später
eine militärische Karriere auf Seiten der Schweiz machte. „Wie auch die anderen Familienmitglieder erreichte Eliza ein hohes Alter. Sie erlebte eine große Anzahl von Enkeln und konnte sich darüber freuen, daß ihre Söhne und Enkel erfolgreich in ihren Unternehmungen und Berufen waren. Am 22. Dezember 1893 ist sie nach kurzem Kranksein auf Mariafeld gestorben“ (1:131). Über ihre Grablage war leider nichts zu ermitteln.
Werke von Eliza Wille:
(Anonym publiziert): Der Sang des fremden Sängers: Eine Phantasie. Hamburg: Hoffmann & Campe, 1835
– Dichtungen. Hamburg: Hoffmann & Campe, 1836
– Johannes Olaf. Roman. 3 Bände, Leipzig: Brockhaus 1871
– Stilleben in bewegter Zeit. 3 Bände. Leipzig: Brockhaus 1878
– Fünfzehn Briefe von Richard Wagner, nebst Erinnerungen und Erläuterungen, Berlin: Paetel 1894.
Text: Dr. Cornelia Göksu