Gertraud Bräuer Gertraud „Susi“ Bräuer
(30.10.1928 Großenhain – Dezember 1970 Hamburg)
Opfer des Frauenmörders Fritz Honka
Fuhlsbüttler Straße 756, Gedenkstein im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof
Gertraud Bräuer. Anna Beuschel. Frieda Roblick. Ruth Schult. Das sind die Namen der vier Frauen, die der Serienmörder Fritz Honka zwischen Ende 1970 und Anfang 1975 in seiner Wohnung in Hamburg-Ottensen tötete, weil sie ihm nicht zu Willen waren. Dabei hatte er ihnen, so seine Überzeugung, doch eine Unterkunft gegeben und konnte deshalb Gegenleistungen erwarten. Als Prostituierte mussten sie ihm seiner Meinung nach ohnehin sexuell zu Diensten sein. Jederzeit und egal, was er von ihnen wollte. Entdeckt wurden die Leichen der Frauen nur durch Zufall, als im Juli 1975 in dem Haus, in dem sich Honkas Wohnung befand, ein Feuer ausbrach.
Seit Honka schließlich 1976 wegen Mordes angeklagt wurde, steht er im Zentrum medialer Berichterstattung, von Büchern und Filmen. Aber wer waren die Opfer? Bei denen er sich nicht einmal dafür interessierte, wie sie hießen. „Ich wusste nicht den Namen dieser Frau“, sagte er gleich mehrmals zu den ermittelnden Kriminalpolizisten.
Fast 50 Jahre nach dem Femizid an den vier Frauen ist es mehr als an der Zeit, ihren Lebensgeschichten nachzuspüren und sie in den Mittelpunkt zu rücken. Ihnen die Würde zurückzugeben, die die Gesellschaft, ihr Mörder, Kriminalpolizisten, das Gericht und manche Medien ihnen genommen haben. Und die sie selbst immer wieder versuchten, zu bewahren – trotz der prekären Lebensumstände, in denen sie sich behaupten mussten, trotz der strukturellen und physischen Gewalt, der sie als Sexarbeiterinnen immer wieder ausgesetzt waren.
Das 1953 in der Bundesrepublik erlassene und bis Ende 2001 geltende Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ermöglichte die Einschränkung der Grundrechte auf körperliche Unversehrtheit und auf Freiheit einer Person, um auch Maßnahmen zur vorbeugenden Gesundheitsfürsorge ergreifen zu können – was bedeutete, dass der Verdacht auf Prostitution genügte, damit sich Frauen regelmäßig gynäkologisch untersuchen lassen mussten und bei Nichterscheinen zur Fahndung ausgeschrieben wurden. Noch 1965 setzte das Bundesverwaltungsgericht Prostituierte mit „Berufsverbrechern“ gleich, eine Häftlingskategorie der SS aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Ohnehin galt Sexarbeit seit 1901 juristisch als sittenwidrig, dabei wurde als Maßstab für „gute Sitten“ das „Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden“ bezeichnet – eine schwammige Formulierung, die der Willkür von Behördenangestellten Tür und Tor öffnete.
Gertraud Bräuer, Anna Beuschel, Frieda Roblick und Ruth Schult waren mittellos. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie immer wieder mit Sexarbeit. Zwei von ihnen, Anna Beuschel und Frieda Roblick, waren bereits in der NS-Zeit als angeblich „asozial“ in Konzentrationslagern inhaftiert worden. Honka wiederum trat in den Lokalen von St. Pauli gern in seiner schwarzen Wachmann-Uniform auf, die Assoziationen an SS-Männer wecken konnte. Anna Beuschel und Frieda Roblick hatten den nationalsozialistischen Terror überlebt. Doch wie sie das Grauen der Lager verarbeiten konnten – niemand weiß es. Denn Frauen wie sie, wie Gertraud Bräuer und Ruth Schult, hinterließen keine Tagebücher oder Lebenserinnerungen. Sie hatten häufig nicht einmal eine feste Unterkunft und besaßen nur, was sie bei sich trugen. Zugleich interessierte sich weder bei den kriminalpolizeilichen Ermittlungen, noch während des Prozesses gegen ihren Mörder irgendjemand über ihre möglichen Vorstrafen hinaus für sie und ihre Lebensgeschichte. Wie wuchsen sie auf, was aßen sie am liebsten, was war ihre Lieblingsfarbe, wovon träumten sie? Stattdessen bezeichneten Polizisten sie in ihrem Ermittlungsbericht in Kontinuität zum Nationalsozialismus als „asoziale Elemente“ und benutzten noch mehr Formulierungen, die unterschwellig den Opfern eine Mitschuld an ihrem Tod gaben. Die mediale Berichterstattung war von Verständnis für den Täter gekennzeichnet, der es auch „nicht leicht“ gehabt hätte. Sie löste bei den Leser:innen Faszination für den Täter aus, gepaart mit Abscheu gegenüber den Opfern.
Stets und überall waren Gertraud Bräuer, Anna Beuschel, Frieda Roblick und Ruth Schult dem männlichen Blick und einer bürgerlichen Moral ausgesetzt, die sie als „unsauber“ und „verwahrlost“ beleidigte, während ihr Mörder, der zweien von ihnen postmortal die Brüste abtrennte und allen die Geschlechtsteile herausgeschnitten hatte, angeblich viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit legte. Anna Beuschels Ehemann gab – nach vier Wochen – eine Vermisstenanzeige auf. Gertraud Bräuer, Frieda Roblick und Ruth Schult vermisste niemand.
Gertraud „Susi“ Bräuer
Gertraud Elisabeth Bräuer kommt am 30. Oktober 1928 in Großenhain in Sachsen zur Welt. Ihre Eltern waren der Arbeiter Kurt Bräuer und Margarethe, geborene Ruf. Sie hat einen ein Jahr älteren Bruder. Vier Jahre nach Gertrauds Geburt trennen sich die Eltern. Die Mutter heiratete 1939 erneut, doch auch diese Ehe endete mit der Scheidung 1949.
Groß, schlank, blond und modebewusst, erlernt Gertraud Bräuer den Beruf der Friseurin. Sie mag Rot, besitzt später einen schicken roten Hosenanzug, den sie mit weißen Schuhen trägt. Wann und weshalb sie ihren Geburtsort verlässt, ist nicht bekannt, wie so vieles in ihrem Leben. Was bedeutete die Scheidung der Eltern für sie? Wie kommt es, dass sie als junge Frau nicht mehr als Friseurin arbeitet, sondern beginnt, ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit zu verdienen? 1948 zieht Gertraud Bräuer, die sich nur noch Susi nennen lässt, offenbar nach Hamburg. Hat die Großstadt sie angezogen? In den folgenden Jahren wechselt sie immer wieder den Ort, lebt in München, Hagen, Dortmund. Mittellos und ohne feste Unterkunft ermöglicht vor allem Sexarbeit ihr das Überleben. Außer wenigen Kleidungsstücken besitzt sie nichts mehr. Wiederholt wird sie kriminalpolizeilich erfasst, weil sie sich nicht ausweisen kann. So versucht sie zu verbergen, dass sie keinen festen Wohnsitz hat. Mindestens zweimal verurteilt ein Gericht sie wegen Diebstahls, Betrugs und Unterschlagung zu Haftstrafen von mehreren Monaten.
Mitte der 1950er-Jahre kehrt sie nach Hamburg zurück. Eine Frau, die sie in einem Lokal auf Tollerort im Hafengebiet kennenlernt und mit der sie sich anfreundet, bringt sie bei ihrem Onkel auf dessen Wohnschiff unter. Wenig später kauft der Onkel ein Behelfsheim in Waltershof, ebenfalls im Hafengebiet, in das beide umziehen. Es scheint etwas Ruhe in Gertraud Bräuers Leben einzukehren, auch findet sie Arbeit in einer Teeabpackerei in Hamburg-Eimsbüttel. Und sie lernt den aus Polen stammenden Władisław Płusa kennen. Die Nationalsozialisten hatten ihn 1941 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.
Weil er nach Kriegsende aus politischen Gründen nicht nach Polen zurückkehren wollte, hatte er sich eine Beschäftigung im Hamburger Hafen gesucht. In der Zeit bei dem Onkel ihrer Bekannten muss sich Gertraud Bräuer mit Anfang Dreißig aber auch einer schweren Unterleibsoperation unterziehen, in deren Folge sie keine Kinder mehr bekommen kann. 1965 stirbt der Onkel. Daraufhin leiht Władisław Płusa Gertrud Bräuer Geld, damit sie das Behelfsheim übernehmen kann. Beide wohnen nun gemeinsam dort, sie sprechen über Heirat. Doch dann verkauft Gertraud Bräuer plötzlich ohne Wissen ihres Verlobten das Häuschen und verlässt Hamburg Richtung Rheinland. Dort muss sie erneut ins Gefängnis. Mitte 1966 kehrt sie nach Hamburg zurück. Sie ist alkoholkrank, verdient weiterhin Geld mit Sexarbeit und übernachtet in Lokalen in St. Pauli oder darf gegen Sex bei Männern unterkommen, die in den Wohnheimen an der Kieler Straße oder im Weg beim Jäger leben. Ihr Haar hat sie bis auf 3 Zentimeter abgeschnitten und trägt nur noch eine schwarze, später eine blonde Perücke. Eine Narbe unter dem linken Auge ist die Folge eines Autounfalls. Mit trauriger Selbstironie unterschreibt sie einmal eine Postkarte an Bekannte mit „Euer Trunkenbold Susi“.
Dann lernt sie den sieben Jahre jüngeren Arbeiter Burkhard Stern kennen und zieht zu ihm in eine Kleingartenanlage in Groß-Borstel. Beide verloben sich. 1969 verhaftet die Kriminalpolizei Gertraud Bräuer erneut wegen Diebstahls. Kurz nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis Ende 1969 wird Burkhard Stern am 19. Januar 1970 in ihrem Beisein erschlagen. Der Täter ist ein Nachbar. Doch als sie für eine Zeugenaussage zur Kriminalpolizei vorgeladen wird, erscheint sie nicht zu dem angegebenen Termin und taucht unter. Erneut geht sie immer wieder mit zu Männern, die sie in St. Pauli kennenlernt, bietet ihnen Sex, führt ihnen den Haushalt und verschwindet nach kurzer Zeit wortlos, manchmal lässt sie auch Geld oder etwas Kleidung mitgehen.
Ende Dezember 1970, sie ist inzwischen 42 Jahre alt, lernt sie in einem Lokal am Großneumarkt eine Frau kennen. Diese soll im Auftrag des Wachmanns Fritz Honka Frauen zu ihm in seine Wohnung in Ottensen bringen, damit er mit ihnen Sex haben kann. Gertraud Bräuer geht mit in die Zeißstraße 74. Doch was Honka will, will sie nicht.
Er vergewaltigt sie, verzweifelt wehrt sie sich. Außer sich vor Wut erdrosselt er sie. Im November 1971 werden Teile ihrer Leiche in einem Hinterhof an der nahe gelegenen Gaußstraße gefunden. Weitere Leichenteile findet die Feuerwehr bei dem Brand des Hauses Zeißstraße 74 am 17. Juli 1975. Niemand hat Gertraud Bräuer vermisst. Es ließ sich nicht einmal mehr herausfinden, wo sie beerdigt wurde.