Ruth Schult Ruth Schult, geborene Bieber
(7.7.1923 Buer-Resse, heute Gelsenkirchen – Januar 1975 Hamburg)
Opfer des Frauenmörders Fritz Honka
Fuhlsbüttler Straße 756, Gedenkstein im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof
Gertraud Bräuer. Anna Beuschel. Frieda Roblick. Ruth Schult. Das sind die Namen der vier Frauen, die der Serienmörder Fritz Honka zwischen Ende 1970 und Anfang 1975 in seiner Wohnung in Hamburg-Ottensen tötete, weil sie ihm nicht zu Willen waren. Dabei hatte er ihnen, so seine Überzeugung, doch eine Unterkunft gegeben und konnte deshalb Gegenleistungen erwarten. Als Prostituierte mussten sie ihm seiner Meinung nach ohnehin sexuell zu Diensten sein. Jederzeit und egal, was er von ihnen wollte. Entdeckt wurden die Leichen der Frauen nur durch Zufall, als im Juli 1975 in dem Haus, in dem sich Honkas Wohnung befand, ein Feuer ausbrach.
Seit Honka schließlich 1976 wegen Mordes angeklagt wurde, steht er im Zentrum medialer Berichterstattung, von Büchern und Filmen. Aber wer waren die Opfer? Bei denen er sich nicht einmal dafür interessierte, wie sie hießen. „Ich wusste nicht den Namen dieser Frau“, sagte er gleich mehrmals zu den ermittelnden Kriminalpolizisten.
Fast 50 Jahre nach dem Femizid an den vier Frauen ist es mehr als an der Zeit, ihren Lebensgeschichten nachzuspüren und sie in den Mittelpunkt zu rücken. Ihnen die Würde zurückzugeben, die die Gesellschaft, ihr Mörder, Kriminalpolizisten, das Gericht und manche Medien ihnen genommen haben. Und die sie selbst immer wieder versuchten, zu bewahren – trotz der prekären Lebensumstände, in denen sie sich behaupten mussten, trotz der strukturellen und physischen Gewalt, der sie als Sexarbeiterinnen immer wieder ausgesetzt waren.
Das 1953 in der Bundesrepublik erlassene und bis Ende 2001 geltende Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ermöglichte die Einschränkung der Grundrechte auf körperliche Unversehrtheit und auf Freiheit einer Person, um auch Maßnahmen zur vorbeugenden Gesundheitsfürsorge ergreifen zu können – was bedeutete, dass der Verdacht auf Prostitution genügte, damit sich Frauen regelmäßig gynäkologisch untersuchen lassen mussten und bei Nichterscheinen zur Fahndung ausgeschrieben wurden. Noch 1965 setzte das Bundesverwaltungsgericht Prostituierte mit „Berufsverbrechern“ gleich, eine Häftlingskategorie der SS aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Ohnehin galt Sexarbeit seit 1901 juristisch als sittenwidrig, dabei wurde als Maßstab für „gute Sitten“ das „Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden“ bezeichnet – eine schwammige Formulierung, die der Willkür von Behördenangestellten Tür und Tor öffnete.
Gertraud Bräuer, Anna Beuschel, Frieda Roblick und Ruth Schult waren mittellos. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie immer wieder mit Sexarbeit. Zwei von ihnen, Anna Beuschel und Frieda Roblick, waren bereits in der NS-Zeit als angeblich „asozial“ in Konzentrationslagern inhaftiert worden. Honka wiederum trat in den Lokalen von St. Pauli gern in seiner schwarzen Wachmann-Uniform auf, die Assoziationen an SS-Männer wecken konnte. Anna Beuschel und Frieda Roblick hatten den nationalsozialistischen Terror überlebt. Doch wie sie das Grauen der Lager verarbeiten konnten – niemand weiß es. Denn Frauen wie sie, wie Gertraud Bräuer und Ruth Schult, hinterließen keine Tagebücher oder Lebenserinnerungen. Sie hatten häufig nicht einmal eine feste Unterkunft und besaßen nur, was sie bei sich trugen. Zugleich interessierte sich weder bei den kriminalpolizeilichen Ermittlungen, noch während des Prozesses gegen ihren Mörder irgendjemand über ihre möglichen Vorstrafen hinaus für sie und ihre Lebensgeschichte. Wie wuchsen sie auf, was aßen sie am liebsten, was war ihre Lieblingsfarbe, wovon träumten sie? Stattdessen bezeichneten Polizisten sie in ihrem Ermittlungsbericht in Kontinuität zum Nationalsozialismus als „asoziale Elemente“ und benutzten noch mehr Formulierungen, die unterschwellig den Opfern eine Mitschuld an ihrem Tod gaben. Die mediale Berichterstattung war von Verständnis für den Täter gekennzeichnet, der es auch „nicht leicht“ gehabt hätte. Sie löste bei den Leser:innen Faszination für den Täter aus, gepaart mit Abscheu gegenüber den Opfern.
Stets und überall waren Gertraud Bräuer, Anna Beuschel, Frieda Roblick und Ruth Schult dem männlichen Blick und einer bürgerlichen Moral ausgesetzt, die sie als „unsauber“ und „verwahrlost“ beleidigte, während ihr Mörder, der zweien von ihnen postmortal die Brüste abtrennte und allen die Geschlechtsteile herausgeschnitten hatte, angeblich viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit legte. Anna Beuschels Ehemann gab – nach vier Wochen – eine Vermisstenanzeige auf. Gertraud Bräuer, Frieda Roblick und Ruth Schult vermisste niemand.
Ruth Schult, geborene Bieber
Ruth Margarethe Bieber kommt am 7. Juli 1923 in Buer-Resse zur Welt, heute ein Teil von Gelsenkirchen. Ihre Eltern sind Hermann Bieber und Margarete, geborene Simiantkowski. Hat sie Geschwister, wie lange besucht sie die Schule, kann sie einen Beruf erlernen? So gut wie nichts ist über die ersten Jahre ihres Lebens bekannt. Als sie 18 Jahre alt ist, nimmt die Polizei sie erstmals fest. In den folgenden Jahren wird sie wegen verschiedener Delikte immer wieder inhaftiert – ob versuchte Brandstiftung, Betrug, Urkundenfälschung, Beleidigung oder Diebstahl. Auch muss sie ins Gefängnis, weil sie keinen festen Wohnsitz hat und sie sich nicht ausweisen kann. Sie ist mittellos, auf sich allein gestellt und ihre Lebensumstände sind prekär.
1948 lebt Ruth Bieber erstmals in Hamburg, in der Herbertstraße, der geschlossenen Bordellstraße in St. Pauli. Sie verdient ihren Lebensunterhalt nun mit Sexarbeit. Ende 1948 meldet sie sich in Lübeck als Prostituierte an, wohnt und arbeitet in einem Bordell in der Clemensstraße 1. Bordelle boten Prostituierten von auswärts eine erste Anlaufstelle, solange sie sich an dem jeweiligen Ort noch nicht auskannten. 1952 heiratet Ruth Bieber in Hamburg-Flottbek den Schuhmacher Alfred Schult. 1894 geboren, ist er fast 30 Jahre älter als sie. Für ihn ist es bereits die dritte Ehe. Sie scheitert jedoch nach wenigen Jahren, es folgt die Scheidung.
Anfang Juli 1958 meldet sich Ruth Schult, inzwischen 35 Jahre alt, erneut als Prostituierte in Lübeck an, nun im Bordell Clemensstraße 2. Doch dort bleibt sie nicht einmal zwei Wochen. Ab Ende Juli 1958 verlieren sich ihre Spuren für mehrere Jahre. Ihr geschiedener Mann stirbt 1959 mit 64 Jahren. Mitte der 1960er-Jahre hat Ruth Schult zuletzt Kontakt zu ihrer Mutter. Die Eltern wohnen inzwischen in Castrop-Rauxel. Anfang der 1970er-Jahre meldet sich Ruth Schult als Sexarbeiterin bei der Zentralen Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten in der Max-Brauer-Allee in Hamburg-Altona. Regelmäßig nimmt sie die vorgeschriebenen Kontrolluntersuchungen wahr. Sie sucht sich ihre Kunden in den Lokalen rund um den Hamburger Berg in St. Pauli und wohnt zur Untermiete in einem der Terrassenhäuser in der Wohlwillstraße 9. Ab 1972 etwa hat sie kein Zimmer mehr und übernachtet manchmal bei einem Kunden. Fast täglich besucht sie das Lokal »Blohm« in der Wohlwillstraße. Deren Wirtin beschreibt sie als »gutmütig und gutgläubig«. Am 27. November 1974 erscheint Ruth Schult ein letztes Mal in der Zentralen Beratungsstelle zur Untersuchung.
Mitte Dezember 1974 später lernt sie vor dem Aladin-Kino an der Reeperbahn Fritz Honka kennen. Sie ist elegant gekleidet, trägt ein blaues Kleid und einen hellen Kamelhaarmantel. Beide gehen ins »Lehmitz« und später in der Nacht zusammen in Honkas Wohnung in der Zeißstraße 74 in Hamburg-Ottensen. Etwa zwei Wochen lang lebt Ruth Schult bei Honka. Doch eines Nachts verweigert sie den Geschlechtsverkehr mit ihm. Voller Wut versucht er sie zu vergewaltigen. Als es ihm nicht gelingt, erdrosselt er sie mit einem Handtuch. Weil sie nicht mehr zur Kontrolluntersuchung kommt, schreibt die Hamburger Gesundheitsbehörde sie Mitte Januar 1975 zur Fahndung aus. Sorgen macht sich niemand um sie. Für die Behörde ist ausschlaggebend, dass sie gegen das »Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten« von 1953 verstoßen hat. Dabei ist sie zu dem Zeitpunkt bereits tot. Ihre Mutter, die noch in Castrop-Rauxel lebt, will sich nicht um die Bestattung ihrer Tochter kümmern. Ruth Schult wird auf dem Hamburger Friedhof Öjendorf beerdigt. Ihr Grab existiert heute nicht mehr.