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Anna Beuschel Anna „Anni“ Beuschel, geborene Hahn

(8.10.1919 Aschersleben – Anfang Oktober 1974 Hamburg)
Opfer des Frauenmörders Fritz Honka
Fuhlsbüttler Straße 756, Gedenkstein im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof


Gertraud Bräuer. Anna Beuschel. Frieda Roblick. Ruth Schult. Das sind die Namen der vier Frauen, die der Serienmörder Fritz Honka zwischen Ende 1970 und Anfang 1975 in seiner Wohnung in Hamburg-Ottensen tötete, weil sie ihm nicht zu Willen waren. Dabei hatte er ihnen, so seine Überzeugung, doch eine Unterkunft gegeben und konnte deshalb Gegenleistungen erwarten. Als Prostituierte mussten sie ihm seiner Meinung nach ohnehin sexuell zu Diensten sein. Jederzeit und egal, was er von ihnen wollte. Entdeckt wurden die Leichen der Frauen nur durch Zufall, als im Juli 1975 in dem Haus, in dem sich Honkas Wohnung befand, ein Feuer ausbrach.

Seit Honka schließlich 1976 wegen Mordes angeklagt wurde, steht er im Zentrum medialer Berichterstattung, von Büchern und Filmen. Aber wer waren die Opfer? Bei denen er sich nicht einmal dafür interessierte, wie sie hießen. „Ich wusste nicht den Namen dieser Frau“, sagte er gleich mehrmals zu den ermittelnden Kriminalpolizisten.

Fast 50 Jahre nach dem Femizid an den vier Frauen ist es mehr als an der Zeit, ihren Lebensgeschichten nachzuspüren und sie in den Mittelpunkt zu rücken. Ihnen die Würde zurückzugeben, die die Gesellschaft, ihr Mörder, Kriminalpolizisten, das Gericht und manche Medien ihnen genommen haben. Und die sie selbst immer wieder versuchten, zu bewahren – trotz der prekären Lebensumstände, in denen sie sich behaupten mussten, trotz der strukturellen und physischen Gewalt, der sie als Sexarbeiterinnen immer wieder ausgesetzt waren.

Das 1953 in der Bundesrepublik erlassene und bis Ende 2001 geltende Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ermöglichte die Einschränkung der Grundrechte auf körperliche Unversehrtheit und auf Freiheit einer Person, um auch Maßnahmen zur vorbeugenden Gesundheitsfürsorge ergreifen zu können – was bedeutete, dass der Verdacht auf Prostitution genügte, damit sich Frauen regelmäßig gynäkologisch untersuchen lassen mussten und bei Nichterscheinen zur Fahndung ausgeschrieben wurden. Noch 1965 setzte das Bundesverwaltungsgericht Prostituierte mit „Berufsverbrechern“ gleich, eine Häftlingskategorie der SS aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Ohnehin galt Sexarbeit seit 1901 juristisch als sittenwidrig, dabei wurde als Maßstab für „gute Sitten“ das „Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden“ bezeichnet – eine schwammige Formulierung, die der Willkür von Behördenangestellten Tür und Tor öffnete.

Gertraud Bräuer, Anna Beuschel, Frieda Roblick und Ruth Schult waren mittellos. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie immer wieder mit Sexarbeit. Zwei von ihnen, Anna Beuschel und Frieda Roblick, waren bereits in der NS-Zeit als angeblich „asozial“ in Konzentrationslagern inhaftiert worden. Honka wiederum trat in den Lokalen von St. Pauli gern in seiner schwarzen Wachmann-Uniform auf, die Assoziationen an SS-Männer wecken konnte. Anna Beuschel und Frieda Roblick hatten den nationalsozialistischen Terror überlebt. Doch wie sie das Grauen der Lager verarbeiten konnten – niemand weiß es. Denn Frauen wie sie, wie Gertraud Bräuer und Ruth Schult, hinterließen keine Tagebücher oder Lebenserinnerungen. Sie hatten häufig nicht einmal eine feste Unterkunft und besaßen nur, was sie bei sich trugen. Zugleich interessierte sich weder bei den kriminalpolizeilichen Ermittlungen, noch während des Prozesses gegen ihren Mörder irgendjemand über ihre möglichen Vorstrafen hinaus für sie und ihre Lebensgeschichte. Wie wuchsen sie auf, was aßen sie am liebsten, was war ihre Lieblingsfarbe, wovon träumten sie? Stattdessen bezeichneten Polizisten sie in ihrem Ermittlungsbericht in Kontinuität zum Nationalsozialismus als „asoziale Elemente und benutzten noch mehr Formulierungen, die unterschwellig den Opfern eine Mitschuld an ihrem Tod gaben. Die mediale Berichterstattung war von Verständnis für den Täter gekennzeichnet, der es auch „nicht leicht“ gehabt hätte. Sie löste bei den Leser:innen Faszination für den Täter aus, gepaart mit Abscheu gegenüber den Opfern.

Stets und überall waren Gertraud Bräuer, Anna Beuschel, Frieda Roblick und Ruth Schult dem männlichen Blick und einer bürgerlichen Moral ausgesetzt, die sie als „unsauber“ und „verwahrlost“ beleidigte, während ihr Mörder, der zweien von ihnen postmortal die Brüste abtrennte und allen die Geschlechtsteile herausgeschnitten hatte, angeblich viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit legte. Anna Beuschels Ehemann gab – nach vier Wochen – eine Vermisstenanzeige auf. Gertraud Bräuer, Frieda Roblick und Ruth Schult vermisste niemand.

Anna „Anni“ Beuschel, geborene Hahn

Anna Lina Hahn, genannt Anni, kommt am 8.10.1919 in Aschersleben, Provinz Sachsen, heute Sachsen-Anhalt, als Tochter von Lina Hahn zur Welt. Die Nationalsozialisten stigmatisieren sie als „asozial“. Diese abwertende Zuschreibung betrifft oft mittellose Frauen, die nur eine geringe Schulbildung haben, keinen Beruf erlernen dürfen und sozial unangepasst leben. Manche versuchen, als Prostituierte ihren Lebensunterhalt zu sichern. Doch in vielen Fällen unterstellen ihnen Polizei, Justiz, Gesundheits- und Fürsorgebehörden auch nur, der Prostitution nachzugehen, weil sie wechselnde Sexualpartner:innen haben. In jedem Fall müssen sich die Frauen wöchentlich auf Geschlechtskrankheiten hin untersuchen lassen. Bei mehrmaligem Verstoß gegen die Auflage drohen eine Gefängnisstrafe oder gleich die Einweisung in ein Konzentrationslager.

Am 1. August 1942 deportiert die Kriminalpolizei die inzwischen 32-jährige Anna Hahn in das Frauen-KZ Ravensbrück in Brandenburg. Dort muss sie den schwarzen Winkel der „Asozialen“ tragen und in der SS-Schneiderei Zwangsarbeit leisten. Nach Kriegsende lässt sie sich eine Häftlingsnummer aus dem linken Unterarm entfernen, was darauf hinweist, dass sie auch im KZ Auschwitz inhaftiert war. 1944 wird sie im KZ Ravensbrück wegen einer eitrigen Entzündung im rechten Ohr operiert, die SS braucht ihre Arbeitskraft. Es handelt sich offenbar um eine schwere Operation, denn eine Überlebende aus dem KZ erzählt Anna Hahns Mutter nach Kriegsende, die Tochter sei bei der Operation gestorben. Tatsächlich überlebt sie den Eingriff. Trotz miserabler hygienischer Bedingungen und nur notdürftiger medizinischer Versorgung.

Wenig später verschleppt die SS sie in ein Außenlager des KZ Ravensbrück, nach Graslitz im „Reichsgau Sudentenland“, heute Kraslice in Tschechien. Auch dort muss sie Zwangsarbeit leisten, nun für das Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde – eine Tochterfirma der Siemens-&-Halske-AG und der Siemens-Schuckert-AG. Die fast 500 weiblichen Häftlinge sind in einem Geschoss über der Werkshalle zusammengepfercht. Sie haben keine Möglichkeit, ins Freie zu gelangen. SS-Männer bewachen sie, Aufseherinnen überwachen die Einhaltung des Sprechverbots. Nach der Bombardierung des Ortes Graslitz müssen die Frauen zudem schwere Aufräumarbeiten übernehmen. Am 1. September 1944 wird das Lager dem KZ Flossenbürg in der Oberpfalz unterstellt. Ab 15. April 1945 treibt die SS alle Häftlinge Richtung Marienbad, wer nicht mehr gehen kann, wird erschossen. Ende April 1945 befreien amerikanische Truppen die völlig geschwächten Frauen, darunter auch Anna Hahn.

Offenbar bleibt sie zunächst in der amerikanischen Besatzungszone. Sie lernt einen US-Soldaten kennen und wird schwanger. Der Vater nimmt die Zwillinge jedoch mit in die USA, sie haben keinen Kontakt zur Mutter. Jahre später reisen sie nach Deutschland, um sie zu suchen, finden sie jedoch nicht. Erst viel später erfährt Anna Hahn davon. Seit 1947 lebt sie in Hamburg. Die Häftlingsnummer aus dem KZ Auschwitz ist verschwunden. Doch es bleibt eine große Narbe. Infolge der Ohroperation leidet sie zudem nach wie vor unter starken Kopfschmerzen. Hinzu kommen immer wieder epileptische Anfälle. 1968 muss sie sich in Hamburg einer schweren Magenoperation unterziehen. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Sexarbeit und erscheint pflichtbewusst zu den Kontrolluntersuchungen. Sie wohnt in der Nähe des Sternschanzenbahnhofs bei einem Niederländer.

1969 lernt sie in St. Pauli den siebzehn Jahre jüngeren Arbeiter Thomas Beuschel kennen. Im Sommer 1970 zieht sie zu ihm nach Bramfeld. Dort hat er ein Zimmer im Tanzcafé Fürstenhof, in dem er auch arbeitet. Am 15. April 1971 heiraten Anna Hahn und Thomas Beuschel. Es ist keine Liebesheirat, doch beide sind einsam und passen ganz gut zusammen. Sie kümmert sich um den Haushalt und arbeitet nun ebenfalls in dem Tanzcafé. Im selben Jahr noch bekommt das Ehepaar eine kleine Wohnung im Durchgangslager Neßpril in Finkenwerder. Dort bringt die Stadt Hamburg vor allem Umsiedler:innen unter, Geflüchtete und Obdachlose. Anna Beuschels Leben hat nun einen festen Rahmen. Doch diesen scheint sie auf Dauer nicht ertragen zu können.

Immer wieder bricht sie aus und fährt nach St. Pauli. Manchmal zieht sie tagelang durch die Lokale und trinkt. Ihr Mann sucht sie, um sie wieder nach Hause zu holen. War sie betrunken, sagt er später einmal, verlor sie jede Kontrolle über sich. Nüchtern sei sie dagegen der netteste Mensch gewesen und so kinderlieb, dass die Nachbar:innen ihr ihre Kinder anvertrauten.

Anfang September 1974 lernt Anna Beuschel in einem Lokal auf St. Pauli Fritz Honka kennen. Er nimmt sie mit in seine Wohnung in der Zeißstraße 74 in Ottensen. Sie bleibt bei ihm, ihr Verhalten entspricht jedoch nicht seinen Vorstellungen. Sie kümmert sich nicht um den Haushalt und kocht nicht. Trockenes Brot ist alles, wovon sie sich ernährt. Vor allem trinkt sie Alkohol. Alles Zeichen einer verzweifelten, vielleicht aber auch bewussten Selbstzerstörung. Wie lässt es sich überhaupt leben mit den Erinnerungen an die grauenvollen Erlebnisse in den Konzentrationslager? Als sich Anna Beuschel im Oktober 1974 weigert, mit Honka Sex zu haben, vergewaltigt er sie. Anschließend erdrosselt er sie mit einem Handtuch. Ihre Leiche versteckt er auf dem Dachboden seines Hauses. Thomas Beuschel gibt Ende August 1974 eine Vermisstenanzeige auf. Anna Beuschels Leiche wird am 17. Juli 1975 beim Brand des Hauses Zeißstraße 74 entdeckt.